Das Geheimnis für bessere Fotos - der fotografische Blick

 

Du willst unbedingt bessere Fotos aufnehmen, aber irgendwie klappt es nicht so richtig? Viele Fotografen werden erst wirklich besser, wenn sie einen fotografischen Blick entwickeln. Was genau das ist und wie auch du ihn bekommst, schauen wir uns hier genauer an.

Es geht darum, wie man wirklich besser in der Fotografie wird – ganz ohne Schnickschnack oder unnötige Tricks.

 

Was macht ein gutes Foto zu einem guten Foto?

Wenn wir uns Bilder anschauen, wissen wir meist innerhalb von Sekundenbruchteilen, ob sie uns gefallen oder nicht. Jeder von uns hat diese Fähigkeit in gewissem Maße.

Aber könntest du erklären, warum dir ein bestimmtes Bild gefällt?

Warum es bestimmte Gefühle in dir weckt oder dich an eine vergangene Zeit erinnert?

Die meisten Leute können das nicht wirklich in Worte fassen. Sie mögen vielleicht sagen, dass sie die Linienführung oder die Farben toll finden oder dass sie das Bild an sich einfach cool fanden.

Für die meisten ist diese Erklärung ausreichend. Aber für uns, die wir diese Bilder erschaffen, ist das nur der Anfang.

Der wirkliche Schlüssel zur Meisterschaft in der Fotografie liegt nicht in den unzähligen Tipps und Tricks, die man auf Instagram oder TikTok findet.

Ich muss es euch leider sagen, aber es gibt keine Abkürzungen auf diesem Weg, keine schnellen Lösungen.

Aber was ist dann das Geheimnis? Es ist deine Vision, deine fotografische Sichtweise. Du musst lernen, zu verstehen, was ein gutes Foto ausmacht.

Warum wirkt ein Bild auf eine bestimmte Weise? Es geht darum, tiefer zu blicken als die Oberfläche.

Du musst beginnen, die Elemente eines Fotos zu analysieren: den Bildaufbau, das Licht, die Texturen, die Formen und wie sie alle zusammenwirken, um eine Geschichte zu erzählen oder eine Emotion hervorzurufen.

 

Was genau ist der fotografische Blick?

Der fotografische Blick ermöglicht es dir, unabhängig vom Ort oder der Kamera, beeindruckende Bilder zu machen. Er ist der Grund, warum manche Fotografen herausstechen und als wirklich gut betrachtet werden. Doch was bedeutet „fotografischer Blick“ genau?

Um es einfach auszudrücken: Der fotografische Blick ist das Verständnis für die visuelle Sprache. Genau wie eine gesprochene Sprache basiert die visuelle Sprache auf dem Erkennen von Mustern.

Fotografie ist im Grunde ein Spiel der Mustererkennung. Diese Muster können vielfältig sein – von abstrakten Konzepten wie Farbe, Kontrast, Positionsverschiebungen, visueller Hierarchie, Balance und Minimalismus bis hin zu konkreteren Mustern wie Rahmen, Linien und Schatten.

Diese Muster sind vergleichbar mit Wörtern in einer Sprache. Sie haben eine vorgefertigte Bedeutung, die, wenn sie auf bestimmte Weise verwendet werden, eine tiefere Aussagekraft entwickeln.

Wenn du beginnst, diese „Wörter“ zu meistern, kannst du sie zu „Sätzen“ kombinieren. Sätze sind in diesem Fall dann besonders aussagekräftige, eindrucksvolle Bilder.

Das Kombinieren verschiedener Muster führt dazu, dass ihre Bedeutung größer wird als die Summe ihrer Teile. Dies ist der Moment, in dem deine Bilder wirklich zu kommunizieren beginnen.

Du fängst an, visuell zu „sprechen“ – du äußerst Meinungen, schlägst Dinge vor, erzählst Geschichten und weckst Emotionen. Es entsteht eine Bedeutung und Intention in deinen Bildern.

Erfolgreiche Fotografen sind diejenigen, die mit diesen Mustern auf kunstvolle, absichtliche und überlegte Weise kommunizieren.

Absicht ist hier das Stichwort. Es geht nicht nur darum, zufällig schöne Bilder zu machen, sondern um die Fähigkeit, bewusst und gezielt visuelle Statements zu setzen.

 

Wie du bewusste Fotos mit “Absicht” aufnimmst

Wie genau kann man jetzt aber mit “Absicht” fotografieren? Immerhin betätigst du ja so oder so absichtlich den Auslöser deiner Kamera beim fotografieren.

Aber selbst erfahrene Fotografen können manchmal nicht genau erklären, welche Muster sie verwenden und welche Bedeutung diese erzeugen.

Doch die wirklich großartigen Fotografen setzen ihre Kamera mit einer klaren Absicht ein, auch wenn diese Absicht manchmal unbewusst ist.

Das Ziel ist es, dass die Fotografie so tief in deinem Verstand und deinen Routinen verankert ist, dass du intuitiv handelst. Aber wie gelangt man zu dieser tiefen Verständnisebene?

Es beginnt damit, die Muster und Strukturen in der visuellen Sprache der Fotografie besser zu verstehen.

Du hast sicher schon von verschiedenen fotografischen Regeln gehört, wie zum Beispiel der Regel der Drittel.

Diese Regel bietet durch ihre Struktur eine gewisse Festigkeit und Vermeidung von Unbeholfenheit in den Proportionen, was zu einer starken Komposition führt.

Regeln geben vor, wie etwas aussehen sollte, und bringen eine vorgefertigte Bedeutung mit sich.

Es ist jedoch kein Fehler, wenn du als Fotograf diese Regeln brichst! Allerdings solltest du, wenn du Regeln brichst, dies mit Absicht tun. Du solltest die Auswirkungen verstehen, die diese Entscheidung auf deinen Bildaufbau hat.

Verschiebst du zum Beispiel dein Motiv leicht von der Drittel-Regel weg, verliert das Bild wahrscheinlich an struktureller Stärke. Aber das könnte genau das sein, was du für dein spezifisches Bild anstrebst. Wichtig ist also, dass du bewusst handelst.

 

Verschiedene Muster die du kennen solltest

Wenn wir Muster brauchen, um mit Intention und Absicht zu fotografieren, dann macht es natürlich auch Sinn, verschiedene Muster zu kennen.

Diese Muster sind das Vokabular der Bildsprache, das dir hilft, bedeutungsvolle und kraftvolle Fotos aufzunehmen. Logischerweise ist diese Liste nicht abschließend, aber sie sollte dir ein gutes Grundverständnis geben.

1. Abstrakte Muster

Abstrakte Muster sind besonders wirkungsvoll, weil sie die Art und Weise beeinflussen, wie Betrachter deine Bilder wahrnehmen und interpretieren. Dabei wirken sie aber eher auf einer unterbewussten Ebene.

  • Farbe kann Stimmung setzen oder Spannung erzeugen.

  • Kontrast hebt Unterschiede hervor, sei es in Farben, Licht oder Texturen.

  • Positionsverschiebung stellt gegensätzliche Elemente nebeneinander, was zu einer starken visuellen Wirkung führt, da man Dinge in ungewohnter Umgebung oder Kontext sieht.

  • Balance sorgt dafür, dass kein Teil des Bildes überwältigend wirkt. Es ist nicht auf einer Seite überladen und auf der anderen Seite zu minimalisitisch.

  • Visuelle Hierarchie lenkt das Auge des Betrachters und betont wichtige Elemente des Bildes.

2. Muster im Bildaufbau

Muster im Bildaufbau sind leichter zu erkennen und können in nahezu jeder Umgebung gefunden werden. Sie wirken auch direkter und sind einfacher für den Betrachter zu verstehen und wahrzunehmen.

  • Rahmen nutzen Elemente im Bild, um das Hauptmotiv einzuschließen, was die Aufmerksamkeit darauf lenkt.

  • Linien führen das Auge durch das Bild und können Wege aufzeigen oder Strukturen betonen.

  • Schatten erzeugen ein Gefühl von Tiefe und rufen dramatische Effekte hervor oder betonen subtile Details.

  • Texturen vermitteln ebenfalls das Gefühl von Tiefe. Gibt dem Foto in der Regel mehr Charakter.

Indem du verstehst, wie und warum jedes Muster funktioniert, kannst du sie gezielt einsetzen, um deine kreativen Visionen zum Leben zu erwecken.

Experimentiere mit diesen Mustern, kombiniere sie auf neue Weisen und beobachte, wie sie die Reaktionen auf deine Bilder beeinflussen.

Je mehr du übst, desto intuitiver wird ihr Einsatz, und bald wirst du feststellen, dass du diese visuellen Sprachen fließend sprichst.

 

Beispiel: Verschiedene Muster in diesem Foto

Damit das Ganze vielleicht etwas leichter zu verstehen ist, schauen wir uns das Beispielbild hier oben genauer an. Welche Muster und Elemente kannst du entdecken?

Zum einen arbeitet das Foto vorwiegend mit einer orange-braunen Farbe. Diese Farbwahl vereinfacht das Bild stark und lenkt die Aufmerksamkeit direkt auf das Wesentliche.

Die gleichbleibende Farbe erzeugt eine warme, fast monochrome Stimmung, die dem Betrachter sofort ein Gefühl von Hitze und Trockenheit vermittelt – perfekt für die Darstellung einer Wüstenlandschaft.

Ein weiteres Element, das ich in diesem Bild genutzt habe, ist der Kontrast. Dunkle Schatten im Sand stehen einem strahlend hellen Bereichen gegenüber.

Dieser Kontrast schafft nicht nur eine visuelle Spannung, sondern lenkt auch die Augen des Betrachters gezielt. Du weißt sofort, wo du hinschauen sollst. Denn der Blick eines Betrachters fällt oft in die hellsten Bereiche oder di mit dem stärksten Kontrast.

Die Balance im Bild wird durch die gleichmäßige Aufteilung der Bildinhalte erreicht. Der Bildaufbau ist so gestaltet, dass die Bildhälften dem Betrachter helfen, sofort zu verstehen, was dargestellt wird.

Es gibt keine Unklarheiten, kein Umherirren der Blicke. Alles ist auf Anhieb verständlich.

Ein kleiner, fast unscheinbarer Mensch im Bild suggeriert enormes Ausmaß und erzeugt ein Gefühl der Weite und Einsamkeit.

So wird die gigantische Skala der Landschaft betont und erzeugt das Gefühl, das jemand in der Wüste verloren ist.

Und dann ist da noch der leere Raum oben im Bild. Er zeigt, dass der Weg des Menschen noch lang ist und verstärkt das Gefühl der Einsamkeit.

Diese räumliche Anordnung erzählt eine Geschichte – sie suggeriert eine Reise, vielleicht sogar eine Suche, inmitten dieser endlos erscheinenden Dünenlandschaft.

Durch das Kombinieren dieser visuellen Muster – Farbe, Kontrast, Balance, Skalierung und Raum – erzeugst du nicht nur ein Bild, sondern vermittelst eine tiefere Bedeutung, eine Geschichte.

Dadurch werden auch Emotionen beim Betrachter ausgelöst. Genau das, was wir mit unserer Fotografie am Ende ja erreichen wollen!

Das ist die Kunst der Fotografie, nicht nur zu zeigen, sondern zu erzählen.

 

Wie du diese Muster bewusst in deine Fotografie aufnehmen kannst

Jetzt hast du wahrscheinlich erkannt, wie wichtig Muster in der Fotografie sind. Aber wie kann man das jetzt selbst umsetzen? All das abstrakte Wissen bringt einem ja nichts, wenn man es nicht in seine Fotos aufnehmen kann!

Jede Woche kannst du dich gezielt mit einem einzigen, ganz speziellen Muster beschäftigen.

Starte zum Beispiel damit, dich eine Woche lang auf die Farben zu konzentrieren. Farben sind nicht einfach nur da, sie tragen Emotionen und beeinflussen die Stimmung deines Fotos.

Die Farbe Blau kann beispielsweise eine beruhigende Wirkung haben, während Orange Energie und Lebensfreude ausstrahlt.

Experimentiere mit Komplementärfarben, die sich auf dem Farbkreis gegenüberstehen, um lebendige und ansprechende Kontraste zu schaffen. Analogfarben, die nebeneinander auf dem Farbkreis liegen, sorgen hingegen für einen harmonischen und ruhigen Bildaufbau.

Hier siehst du zum Beispiel mich, wie ich mir bewusst die Farbe Geld für einen Color-Walk herausgesucht habe:

In der darauffolgenden Woche könntest du dich dann zum Beispiel auf Rahmen und Linien konzentrieren.

Rahmen können durch Fenster, Türen oder Äste entstehen und helfen dir, den Fokus auf das Hauptmotiv zu lenken. Linien führen das Auge des Betrachters und können sowohl dynamisch als auch beruhigend wirken, je nachdem, wie du sie einsetzt.

Mach es dir zur Aufgabe, täglich rauszugehen und gezielt nach diesen Mustern zu suchen.

Du wirst überrascht sein, wie oft sie dir begegnen, wenn du einmal beginnst, sie bewusst wahrzunehmen. Diese Übung hilft dir nicht nur, deine Umgebung anders zu sehen, sondern trainiert auch dein Auge für den Bildaufbau.

Wenn du dich sicherer fühlst, beginne, unterschiedliche Muster zu kombinieren.

Vielleicht entdeckst du interessante Wechselwirkungen zwischen geometrischen Mustern und organischen Formen oder zwischen harten und weichen Linien.

Das Zusammenspiel verschiedener Muster kann deinen Fotos eine neue Tiefe und Komplexität verleihen.

Durch die bewusste Arbeit mit Mustern entwickelst du ein tiefes Verständnis für die visuelle Sprache der Fotografie.

Du lernst, wie Muster die Wahrnehmung beeinflussen und wie du sie nutzen kannst, um deine eigene visuelle Geschichte zu erzählen.

 

 
Timo Nausch